Mar 5
/
Martina Thanei
Ästhetische Bildung - Ein Begriff im Detail
Ein Artikel von Martina Thanei
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DER DREISCHRITT
ÄSTHETISCHER
BILDUNGSPROZESSE:
WAHRNEHMUNG –– ERFAHRUNG –– BILDUNG
Ästhetische Bildung wird in der pädagogischen Praxis häufig als Synonym für
künstlerische Aktivitäten in den Bereichen Kunst, Musik und Theater verstanden.
Aktuelle Forschungen im Bereich der ästhetischen Bildung hingegen fassen
den Begriff weiter und untersuchen die Bedeutung ästhetischer Erfahrungen in
Bildungsprozessen und deren Einfluss auf die Persönlichkeitsbildung.
Der Begriff Ästhetik stammt vom griechischen Wort aisthesis und
bezeichnet die sinnliche Wahrnehmung sowie deren Wirkung auf die
wahrnehmende Person. Über die Zeit hinweg wurde Ästhetik zunehmend
mit Kunst und Schönheit assoziiert. In jüngerer Zeit wird der Begriff –
mit Besinnung auf die sprachgeschichtlichen Wurzeln – jedoch als
eine allgemein reflexive Wahrnehmungs- und Empfindungsschulung
verstanden, die sich nicht mehr nur auf Erfahrungen mit Kunst,
sondern auch auf Alltagserfahrungen bezieht.
ÄSTHETISCHE WAHRNEHMUNG
Ästhetische WAHRNEHMUNG allein als sinnliche Wahrnehmung
zu verstehen, wäre zu kurz gegriffen, da jede Art der Wahrnehmung
immer mit den Sinnen stattfindet. Um EINFACHE SINNLICHE WAHRNEHMUNG
handelt es sich beispielsweise, wenn eine erwachsene
Person mit einem Kind ein Bilderbuch anschaut, nebenbei erzählt
und dann das Kind dazu einlädt, eine Giraffe zu suchen. Das Kind
würde sich auf der Seite umschauen und das Tier mit Hilfe seines
Sehsinns finden. Bei der Wahrnehmungsübung ist das Kind darauf
konzentriert, die Giraffe zu suchen und zu sehen. Es ist auf ein Ziel
fokussiert. Es sucht und sieht schlussendlich die Giraffe, es lauscht
und hört dann die Glocke, es riecht am Apfel, es betastet das Holz. ....
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DER DREISCHRITT
ÄSTHETISCHER BILDUNGSPROZESSE:
WAHRNEHMUNG –– ERFAHRUNG –– BILDUNG
Ästhetische Bildung wird in der pädagogischen Praxis häufig als Synonym für
künstlerische Aktivitäten in den Bereichen Kunst, Musik und Theater verstanden.
Aktuelle Forschungen im Bereich der ästhetischen Bildung hingegen fassen
den Begriff weiter und untersuchen die Bedeutung ästhetischer Erfahrungen in
Bildungsprozessen und deren Einfluss auf die Persönlichkeitsbildung.
Der Begriff Ästhetik stammt vom griechischen Wort aisthesis und
bezeichnet die sinnliche Wahrnehmung sowie deren Wirkung auf die
wahrnehmende Person. Über die Zeit hinweg wurde Ästhetik zunehmend
mit Kunst und Schönheit assoziiert. In jüngerer Zeit wird der Begriff –
mit Besinnung auf die sprachgeschichtlichen Wurzeln – jedoch als
eine allgemein reflexive Wahrnehmungs- und Empfindungsschulung
verstanden, die sich nicht mehr nur auf Erfahrungen mit Kunst,
sondern auch auf Alltagserfahrungen bezieht.
ÄSTHETISCHE WAHRNEHMUNG
Ästhetische WAHRNEHMUNG allein als sinnliche Wahrnehmung
zu verstehen, wäre zu kurz gegriffen, da jede Art der Wahrnehmung
immer mit den Sinnen stattfindet. Um EINFACHE SINNLICHE WAHRNEHMUNG
handelt es sich beispielsweise, wenn eine erwachsene
Person mit einem Kind ein Bilderbuch anschaut, nebenbei erzählt
und dann das Kind dazu einlädt, eine Giraffe zu suchen. Das Kind
würde sich auf der Seite umschauen und das Tier mit Hilfe seines
Sehsinns finden. Bei der Wahrnehmungsübung ist das Kind darauf
konzentriert, die Giraffe zu suchen und zu sehen. Es ist auf ein Ziel
fokussiert. Es sucht und sieht schlussendlich die Giraffe, es lauscht
und hört dann die Glocke, es riecht am Apfel, es betastet das Holz.
Bei der ÄSTHETISCHEN WAHRNEHMUNG hingegen hat das Kind
kein Ziel vor Augen. Es wird plötzlich auf das Gesehene, das Gehörte
oder das Gemalte aufmerksam. Die wahrnehmende Person wird in
einen Zustand versetzt, sie empfindet etwas, Gefühle und/oder Erinnerungen
kommen auf. Durch die Empfindungen wird dieser Moment
für die wahrnehmende Person bedeutsam. So würde die erwachsene
Person zum Beispiel mit dem Kind ein Bilderbuch ansehen,
nebenbei erzählen und dem Kind würde plötzlich von selbst ganz
unten auf der Seite eine Giraffe auffallen. Das Kind folgt den Erzählungen
nicht mehr. Es schaut auf das Tier und es ist sichtbar, dass es in
Gedanken versunken ist. Plötzlich zeigt es mit dem Finger auf die Giraffe,
nimmt mit der erwachsenen Person Blickkontakt auf und erzählt mit
Freude: „So ein Tier habe ich im letzten Urlaub im Zoo gesehen."
Die ästhetische Wahrnehmung ist also eine Steigerung der sinnlichen
Wahrnehmung, es ist eine sinnliche und gleichzeitig berührende
Wahrnehmung. Das Kind musste im zweiten Beispiel nichts im Bild
suchen, es musste sich auf keine Aufgabe konzentrieren. Es wurde
von dieser Giraffe angesprochen und ließ sich auf ein ästhetisches
Wechselspiel ein, das gleichzeitig sinnlich und vernünftig ist: Wo
habe ich so ein Tier schon einmal gesehen? Wo hatte ich ähnliche
Empfindungen? Worüber habe ich so gestaunt? Das Kind bringt
schlussendlich seine Erfahrungen in Worten zum Ausdruck: „So ein
Tier habe ich im letzten Urlaub im Zoo gesehen.” Dabei sind diese
Worte nur ein Teil seiner Erfahrungen, einige sind nicht in Sprache
zu fassen. Im bildungstheoretischen Diskurs werden diese sinnlich
berührenden Erfahrungen als ästhetische Erfahrungen bezeichnet,
womit wir bei Schritt 2 (Wahrnehmung – Erfahrung – Bildung) angekommen
sind.
ÄSTHETISCHE ERFAHRUNG
Auch hier ist es wichtig, die ästhetische Erfahrung von der allgemeinen
ERFAHRUNG abzugrenzen. Der Begriff Erfahrung wird im Sinne des
Könnens verwendet und wird als praktisches Wissen verstanden. Ein
Kind wird im Schneiden mit der Schere als „erfahren” bezeichnet,
wenn es darin geübt ist. Erfahrungen machen wir in erlebten Situationen
und erwerben sie in einer innigen Wiederholung mit der Wirklichkeit.
Mit wachsender Erfahrung werden die Eigentümlichkeit der Dinge,
Muster und Ähnlichkeiten spontan wiedererkannt.
Im Laufe der Zeit bekommen wir ein Gespür dafür, welchen Pinsel
wir für eine dünne Linie wählen müssen, welches Tier wir als Katze
bezeichnen können und welches als Tiger. Erfahrung hat also mit
Können zu tun, das wir durch Wiederholung und Übung erlangen.
Bei ÄSTHETISCHER ERFAHRUNG erleben wir uns selbst und die Welt
gleichzeitig und werden zu einem vielfältigen Wechselspiel angeregt,
das sich zwischen Reflexion und Sinnlichkeit, Emotionen und Vernunft,
Sagbarem und Unsagbarem abspielen kann. Ein spielerischer Modus,
der sich durch Prozessorientierung, Ergebnisoffenheit, Experimentierfreude,
Wertungsfreiheit und intrinsische Motivation kennzeichnet,
begünstigt ästhetische Erfahrungen.
Klare Aufgabenstellungen, die wenig Spiel- und Freiraum zulassen,
hemmen ästhetische Bildungsprozesse. Daher gilt es Materialien
anzubieten, die Kinder ansprechen und sie anregen, nachzuforschen,
zu handeln und zu gestalten. Dinge wirken auf uns, sie sprechen uns
an, sie lösen etwas in uns aus. Entwicklungsbedingt wird ein einjähriges
Kind von Dingen angesprochen, die sensomotorische Erfahrungen
wie Kneten, Schmieren oder Klopfen ermöglichen. Ein 4-jähriges
Kind hingegen faszinieren Dinge, mit denen es komplexe
Erfahrungen im Spielen, Malen, Gestalten und Bauen verarbeiten und
vertiefen kann. Bei einem 9-jährigen Kind kann es dann auch ein
Text sein oder eine mathematische Knobelaufgabe.
Weitere Nährböden für ästhetische Erfahrungen sind Raum und Zeit, damit Bedingungen, die ein Vertieft-Sein ermöglichen, sind Voraussetzung für ästhetische BILDUNGSPROZESSE und gleichzeitig ein Kennzeichen, dass das Kind dabei ist, eine ästhetische Erfahrung zu machen. Diese intensive intrinsisch motivierte Auseinandersetzung mit Dingen der Welt, bei dem das Kind selbstvergessen bei sich und gleichzeitig bei den Dingen ist, wird als FLOW bezeichnet.
ÄSTHETISCHE BILDUNG
Der bildende Moment – das ist der Moment, in dem das Kind etwas
Neues an sich oder an den Dingen entdeckt – zeigt sich dann, wenn
das Kind emotional berührt ist, was sich in leuchtenden Augen oder
einem verwunderten Ausruf äußern kann. Zudem hat das Kind in der
Regel das Bedürfnis, seine Erfahrungen in irgendeiner Weise zum
Ausdruck zu bringen. In dieser Ausdrucksweise hat das Kind hundert
Sprachen, unzählige Möglichkeiten sich auszudrücken, so
Loris Malaguzzi, Begründer der Reggio-Pädagogik. Das eine Kind
sucht Kontakt zum/zur Pädagog:in und versucht das Erfahrene in
Worte zu fassen, das andere drückt das Erfahrene in einem Selbstgespräch
oder Rollenspiel aus und wieder ein anderes in einem Bild
oder in einer dreidimensionalen Gestaltung.
ZUSAMMENSPIEL
WAHRNEHMUNG - ERFAHRUNG - BILDUNG
Der Fokus ästhetischer Bildung im pädagogischen Kontext liegt auf
dem Prozess, in dem Kinder in einer spielerischen Haltung mit
ästhetischen Mitteln sich selbst, andere und die Welt erkunden und
erforschen. Ästhetische Bildung beginnt mit der ästhetischen Wahrnehmung,
sobald wir im Zusammenspiel von Wahrnehmung und
Empfindung plötzlich auf etwas aufmerksam werden. Ästhetische Bildung
ist Bildung durch ästhetische Erfahrung. Eine ästhetische
Erfahrung machen wir, wenn wir von einem Material oder einer Herausforderung
angezogen werden und wir uns diesem/dieser zweckfrei,
ergebnisoffen und selbstvergessen widmen. Der bildende Moment
zeigt sich als Aha-Erlebnis; das kann eine lustvolle Erkenntnis sein,
aber auch eine Irritation. Es ist auf jeden Fall etwas Unerwartetes,
das auftaucht und aufgrund der ästhetischen Empfindung zu neuen
Denk- und Handlungsschemata führen kann. —
Quellen
Cornelie Dietrich/Dominik
Krinninger/Volker Schubert
(2013): Einführung in die Ästhetische
Bildung. 2. Aufl., Weinheim/
Basel: Beltz Juventa.
Gerd Schäfer (2011): Ästhetisches Denken und ästhetische Bildung. Über die Ordnung der Wirklichkeit mit sinnlichen Mitteln, in: Unsere Kinder 02/2016.
Ursula Brandstätter (2012/2013): Ästhetische Erfahrung, in: Kulturelle Bildung Online. kubi-online.de (letzter Zugriff am 03.02.2025).
Martina Thanei (2018): Ästhetische Bildung am Beispiel Ausdrucksmalen: eine phänomenologische Studie, Universität Innsbruck.
Titelbild: ©pexels.com/Cup of Couple
Gerd Schäfer (2011): Ästhetisches Denken und ästhetische Bildung. Über die Ordnung der Wirklichkeit mit sinnlichen Mitteln, in: Unsere Kinder 02/2016.
Ursula Brandstätter (2012/2013): Ästhetische Erfahrung, in: Kulturelle Bildung Online. kubi-online.de (letzter Zugriff am 03.02.2025).
Martina Thanei (2018): Ästhetische Bildung am Beispiel Ausdrucksmalen: eine phänomenologische Studie, Universität Innsbruck.
Titelbild: ©pexels.com/Cup of Couple
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Martina Thanei ist Erziehungs- und Bildungswissenschaftlerin,
Kreativtrainerin „Schule der Phantasie“, Malbegleiterin
im Ausdrucksmalen und Naturprozessbegleiterin. Sie
arbeitet als freiberufliche Dozentin an Fachschulen und
ist als Referentin in der Fort- und Weiterbildung mit dem
Schwerpunkt Ästhetische Bildung tätig. Derzeit ist sie
Mitglied der Forschungsgruppe „Lernerfahrungen auf
der Spur: Vignetten- und Anekdotenforschung an Tiroler
Volksschulen“, angesiedelt an der Pädagogischen
Hochschule Tirol (PHT).
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