Apr 16 / Sabrina Budimir

Essen als Lernprozess


Ein Artikel von Sabrina Budimir
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Kinder zeigen von Natur aus Interesse an Lebensmitteln und essen sehr intuitiv. Das individuelle Essverhalten entwickelt sich in den ersten Lebensjahren und dauert ein Leben lang an. Kinder lernen mit allen Sinnen zu essen. Essen ist für das Kind eine neue Entdeckung und möchte gefühlt, gerochen, angesehen und erst zuletzt geschmeckt werden. Hierbei geht es zunächst noch nicht darum satt zu werden. Das Essen will erlebt werden. 

Die drei Phasen der Geschmacksentwicklung

1. Genetische Geschmacksvorlieben

Die Prägung der Geschmacksentwicklung ist sehr komplex. Sie ergibt sich nicht nur durch die kulturelle Prägung, Erziehung und Erfahrungen in der Kindheit, sondern wird auch durch biologische und physiologische Vorgänge sowie genetische Vorlieben bestimmt. So ist eine Vorliebe für Süßes, Salziges und Fettiges bereits in unseren Genen verankert. Lebenswichtiges Salz war früher in der Natur nur wenig vorhanden. Fettige Nahrung deckte den Energiebedarf und Süßes, hauptsächlich durch Obst aufgenommen, liefert uns wichtige Nährstoffe. Somit sicherten diese Vorlieben das Überleben. Das wir heutzutage Salz, Fett und Zucker im Übermaß zur Verfügung haben, stellt nicht nur viele Eltern vor eine große Herausforderung. Bittere und saure Speisen hingegen werden von Kindern meistens abgelehnt, denn diese könnten giftig, unreif oder verdorben sein.

Kinder sind wahre Geschmackskünstler. Erwachsene haben nur noch halb so viele Geschmacksknospen als Säuglinge. Mit dem Alter nimmt die Geschmacksempfindlichkeit immer weiter ab. Kein Wunder, dass Kinder Rosenkohl oder Gurken ablehnen, da sie Bitterstoffe enthalten, die für Erwachsene nur noch gering oder gar nicht mehr wahrnehmbar sind. Der Geschmack ändert sich im Laufe des Lebens immer wieder. ...

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Kinder zeigen von Natur aus Interesse an Lebensmitteln und essen sehr intuitiv. Das individuelle Essverhalten entwickelt sich in den ersten Lebensjahren und dauert ein Leben lang an. Kinder lernen mit allen Sinnen zu essen. Essen ist für das Kind eine neue Entdeckung und möchte gefühlt, gerochen, angesehen und erst zuletzt geschmeckt werden. Hierbei geht es zunächst noch nicht darum satt zu werden. Das Essen will erlebt werden.

Die drei Phasen der Geschmacksentwicklung

1. Genetische Geschmacksvorlieben

Die Prägung der Geschmacksentwicklung ist sehr komplex. Sie ergibt sich nicht nur durch die kulturelle Prägung, Erziehung und Erfahrungen in der Kindheit, sondern wird auch durch biologische und physiologische Vorgänge sowie genetische Vorlieben bestimmt. So ist eine Vorliebe für Süßes, Salziges und Fettiges bereits in unseren Genen verankert. Lebenswichtiges Salz war früher in der Natur nur wenig vorhanden. Fettige Nahrung deckte den Energiebedarf und Süßes, hauptsächlich durch Obst aufgenommen, liefert uns wichtige Nährstoffe. Somit sicherten diese Vorlieben das Überleben. Das wir heutzutage Salz, Fett und Zucker im Übermaß zur Verfügung haben, stellt nicht nur viele Eltern vor eine große Herausforderung. Bittere und saure Speisen hingegen werden von Kindern meistens abgelehnt, denn diese könnten giftig, unreif oder verdorben sein. 

Kinder sind wahre Geschmackskünstler. Erwachsene haben nur noch halb so viele Geschmacksknospen als Säuglinge. Mit dem Alter nimmt die Geschmacksempfindlichkeit immer weiter ab. Kein Wunder, dass Kinder Rosenkohl oder Gurken ablehnen, da sie Bitterstoffe enthalten, die für Erwachsene nur noch gering oder gar nicht mehr wahrnehmbar sind. Der Geschmack ändert sich im Laufe des Lebens immer wieder.

In der Kindheit spielen auch biologische Sicherheits- und Schutzprogramme eine Rolle. So kann es sein, dass sich ein Kind mutig ein Stück Tomate in den Mund steckt und dann im nächsten Moment die Tomate wieder ausgespuckt. Fälschlicherweise wird oft angenommen, dass dem Kind die Tomate nicht schmecken würde. Dabei kommt hier ein überlebenswichtiger Schutzmechanismus zum Wirken. Er verhindert, dass das Kind möglicherweise giftige Dinge herunterschluckt. Bis ein neues Lebensmittel vollständig akzeptiert wird, benötigt ein Kind bis zu 20-mal Kontakt damit. Es ist also sinnvoll, die Tomate öfters anzubieten – mal in roher Form, mal gekocht oder passiert als Soße. Manche Kinder behalten das Stück Tomate auch schon mal stundenlang im Mund, da sie sich nicht trauen, die Tomate auszuspucken. Helfen Sie dem Kind, indem Sie es erlauben, das Stück wieder auszuspucken.

2. Frühkindliche Prägung

Die erste Prägung des Geschmacks findet über das Fruchtwasser im Mutterleib statt, dann über die Muttermilch, schließlich über den Brei und zuletzt über den gemeinsamen Familientisch. Grundsätzlich gilt: Je abwechslungsreicher, desto besser. So wurde das Kind schon mit vielen Geschmackserlebnissen konfrontiert und wird später weniger wählerisch werden. Gerade die fertige Industrienahrung liefert im Vergleich zu selbstgekochten Speisen keine geschmackliche Vielfalt. Industrienahrung ist standardisiert und führt zur Vereinheitlichung des Geschmacks. Denn ein wiedererkennbarer Geschmack verkauft sich besser. Die Fertigpizza vom selben Hersteller schmeckt immer gleich, während eine selbstgebackene Pizza trotz gleicher Zutaten geschmacklich immer variiert. So ist es auch bei einem fertigen Babybrei. Ein selbstgemachter Brei bietet dem Kind von Anfang an geschmackliche Vielfalt.

Bereits zwischen der 8. und 12. Schwangerschaftswoche nimmt der Fötus so Geschmacksstoffe aus den Mahlzeiten der Mutter auf. Das Fruchtwasser schmeckt also anders, je nachdem was die Mutter isst. Auch über die Muttermilch werden verschiedene Geschmacksstoffe aufgenommen, die sich geschmacklich ebenfalls an die Mahlzeiten der Mutter anpassen. Zudem bekommt der Säugling über die Muttermilch nicht nur lebenswichtige Nahrung, sondern stillt auch seinen emotionalen Hunger, denn Essen ist mehr als reine Nahrungsaufnahme: Essen ist Beziehung.

Im Beikostalter kommen die Kinder erstmals mit allen Sinnen mit dem Essen in Kontakt. Der Energie- und Nährstoffbedarf wird weiterhin über die Muttermilch oder Ersatzmilch gedeckt. Oftmals bieten die Kinder in dieser Zeit den Eltern und Pädagog:innen das Essen an. Das Kind testet aus, ob der Brei wirklich essbar ist. So lernt es, dass das Essen sicher ist und es dem Lebensmittel vertrauen kann.

Mit der Einführung der Familienkost wird das Essen zunehmend interessanter. Wie fühlt sich ein Apfel in den Händen an und wie im Mund? Wie hört sich das Brötchen an, wenn ich hineinbeiße? Wie riecht das frische Brot? Wie klingen die Kekse?

Zu Beginn orientieren sich Kinder stark an den Eltern oder älteren Geschwistern. Am liebsten essen sie vom Teller der Eltern. Das gibt ihnen Sicherheit, da sie die Lebensmittel selbst noch nicht als sicher beurteilen können. Kinder wollen klar erkennen, was sie da auf ihrem Teller haben und essen gerne die verschiedenen Komponenten getrennt. Es mag für Erwachsene unappetitlich erscheinen, die Nudeln getrennt von der Soße zu essen. Für Kinder ist dies zur Geschmacksprägung wichtig und nur so können sie herausfinden, ob die Lebensmittel sicher sind. Gerade in dieser Zeit ist auch ein vielfältiges Nahrungsangebot sinnvoll. Die Kinder lernen nach und nach neue Lebensmittel kennen, die sie als sicher einstufen.

Ab dem 2. Geburtstag möchten die Kinder zunehmend die Dinge selbst entscheiden. Die Autonomiephase beginnt. So auch beim Essen. Sie lernen in dieser Zeit immer mehr sich selbst zu vertrauen. Manchmal überwiegt der Mut, Neues zu probieren, manchmal sind die Kinder skeptischer und unsicherer. Was an einem Tag noch lecker war, wird am nächsten Tag abgelehnt. Gelassenheit und Verständnis sind hier wichtig.

Nach dieser Phase beginnt eine Zeit, in der die Kinder vor allem bekannte Lebensmittel bevorzugen. Kinder lernen täglich neue Dinge - bekannte Dinge geben Sicherheit. Eine Angst vor neuen Lebensmitteln, die Neophobie, kann sich entwickeln.

Hierbei gilt: Auch eine Belohnung über das Essen ist sehr prägend. Schokolade und Süßigkeiten werden immer mit positiven Ereignissen in Verbindung gebracht: Die wohlverdiente Schokolade als Nachtisch, die leckere Geburtstagstorte, die süßen Weihnachtsplätzchen. Zu jeder Feierlichkeit ist es in unserer Kultur üblich süße Speisen zu konsumieren.

3. Die Gewohnheit

Kinder lernen von Tag zu Tag neue Dinge. Vertrautes wird verständlicherweise bevorzugt. Damit ein neues Lebensmittel akzeptiert wird, ist ein häufiger Kontakt notwendig. Durch eine sehr einseitige Ernährung könnte es zu einer Mangelernährung kommen. Dies wird durch eine natürliche Übersättigung vorgebeugt. Das Kind, das am liebsten jeden Tag nur Nudeln essen möchte, würde nach einiger Zeit genug davon haben. Es wäre übersättigt. Diese Balance zwischen Verlangen nach einem bestimmten Lebensmittel und Übersättigung, sichert uns eine möglichst große Vielfalt an Nahrungsmitteln.

Die Erfahrungen der Kindheit prägen uns ein Leben lang. Essen ist nicht nur reine Nahrungsaufnahme, sondern steht vielmehr für Beziehung, Gemeinschaft und liebevolle Zuwendung. Essen und Gefühle sind eng miteinander verbunden. So schmeckt das belegte Brot bei einem Picknick oder die Pizza im Restaurant besonders gut. Die entspannte und fröhliche Umgebung wird mit dem Essen in Verbindung gebracht. Diese Verknüpfung von Gefühlen und Essen, können sich Eltern und pädagogische Fachkräfte zunutze machen. Sorge für eine entspannte Atmosphäre beim Essen, ohne Zwang und Druck. So wird sich ein Gemüsemuffel vielleicht eher an die angebotenen Erbsen trauen oder einem Obstverweigerer schmeckt sogar der Obstsalat im Garten bei Sonnenschein.

Andererseits können mit dem Essen auch negative Emotionen verbunden sein. So kommt es häufig nach einer Magen-Darm-Grippe zu einer Abneigung gegen das Essen, das kurz zuvor gegessen wurde. Sogar gegen das einstige Lieblingsessen kann so eine Aversion entstehen. Wenn gerade in der Zeit der Geschmacksentwicklung negative Assoziationen mit dem Essen in Verbindung gebracht werden, führt dies oftmals zu einer dauerhaften Ablehnung. Beispielsweise können Aussagen wie ,,Nur wer Spinat isst, bekommt auch Nachtisch!“ von Ablehnung bis hin zu Ekel führen, die sich bis ins Erwachsenenalter ziehen. Verbote oder strenge Verhaltensvorschriften können zu einem ungünstigen Essverhalten führen.

Wenn wir die Essentwicklung und die damit verbundenen Bedürfnisse der Kinder verstehen, können wir Konflikte am Familientisch vermeiden. Kinder brauchen Verständnis und Unterstützung. Eltern und Pädagog:innen dienen als Vorbilder. Kinder lernen durch Beobachten und Imitieren der Erwachsenen.

Damit es beim Esstisch erst gar nicht zu Problemen kommt, gibt es eine einfache Regel: Die Eltern und Pädagog:innen bestimmen das Angebot, das Kind bestimmt, ob, was und wie viel es davon essen möchte. —

Quellen

Gabi Eugster (2012). Kinderernährung gesund & richtig: Expertenwissen und Tipps für den Essalltag. 2. Auflage. Elsevier GmbH, Urban & Fischer Verlag.
Edith Gätjen (2023). Lottas Lieblingsessen: Vollwertig und bunt: Über 110 Rezepte, die kleine Kinder lieben. 2. Auflage. Trias Verlag.
Titelbild:
©Foto von Angela Mulligan auf Unsplash

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Sabrina Budimir ist Ernährungswissenschaftlerin (M.Sc.) und zertifizierte Ernährungsberaterin. Sie arbeitet freiberuflich als Fernlehrende an einer Hochschule und ist als Gesundheitsförderin für das Grundschulprogramm Klasse2000 tätig. Außerdem arbeitet sie seit vielen Jahren in der Ernährungsberatung - früher in Uni- und Rehakliniken, heute in der Online-Beratung. Schwerpunkte Ihrer Tätigkeit sind hierbei: Ernährung von Kindern, Darmgesundheit, Begleitung onkologischer Patienten, Vorbereitung und Nachsorge bariatrischer Operationen sowie Ernährungsumstellung bei Adipositas.
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