Jan 8 / Dennis Niepel

Getrennte Wege - Kinder bei Trennung und Scheidung der Eltern begleiten


Ein Interview mit Dennis Niepel
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„Für mich sind Trennung und Scheidung in der Welt der Kinder gesamtgesellschaftliche und zugleich sehr persönliche Themen”, erklärt Dennis Niepel. Für den Erziehungswissenschaftler und Elternberater sind Trennung und Scheidung seine aus Überzeugung gewählten Kernthemen. Mit uns spricht er über die Rolle, die die Themen im pädagogischen Alltag einnehmen und wie Kinder in dieser Lebensphase begleitet werden können.

Wie bist Du dazu gekommen, Dich mit dem Thema „Trennung und Scheidung” zu beschäftigen?

Wenn ich darüber nachdenke, muss ich sagen, dass es zu Beginn meiner beruflichen Laufbahn noch kein Herzensthema für mich gewesen ist. Nachdem ich mein Masterstudium beendet hatte, war ich viele Jahre im Bereich der vollstationären Jugendhilfe unterwegs, habe in einer Jugendwohngruppe gearbeitet und mehrere Jahre ein Internat geleitet. Mir ist schnell deutlich geworden, dass die Eltern in den allermeisten Fällen mit ins Boot gehören, um für die Kinder und Jugendlichen nachhaltig positive Veränderungen zu schaffen. Auch habe ich – rein subjektiv – die Erfahrung gemacht, dass die Kinder und Jugendlichen, die von der Trennung und Scheidung ihrer Eltern betroffen waren, zusätzliche Belastungen und Fragen mit sich trugen. Diese Belastungen und Fragen zu minimieren, gelingt ohne eine engagierte und sensible Elternarbeit seitens der Fachkräfte nur bedingt.
Mit dem Ende meiner Zusatzausbildungen zum Mediator und Klärungshelfer wuchs in mir der Wunsch, früher in der „Hilfskette“ zu arbeiten und ich wechselte in eine Beratungsstelle für Eltern mit den Schwerpunktthemen Elternschaft, Trennung, Scheidung, Umgang und Sorgerecht.
Was mir vor Jahren also mehr oder minder beiläufig aufgefallen ist, ist heute mein aus Überzeugung gewähltes Kernthema.

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„Für mich sind Trennung und Scheidung in der Welt der Kinder gesamtgesellschaftliche und zugleich sehr persönliche Themen”, erklärt Dennis Niepel. Für den Erziehungswissenschaftler und Elternberater sind Trennung und Scheidung seine aus Überzeugung gewählten Kernthemen. Mit uns spricht er über die Rolle, die die Themen im pädagogischen Alltag einnehmen und wie Kinder in dieser Lebensphase begleitet werden können.

Wie bist Du dazu gekommen, Dich mit dem Thema „Trennung und Scheidung” zu beschäftigen?

Wenn ich darüber nachdenke, muss ich sagen, dass es zu Beginn meiner beruflichen Laufbahn noch kein Herzensthema für mich gewesen ist. Nachdem ich mein Masterstudium beendet hatte, war ich viele Jahre im Bereich der vollstationären Jugendhilfe unterwegs, habe in einer Jugendwohngruppe gearbeitet und mehrere Jahre ein Internat geleitet. Mir ist schnell deutlich geworden, dass die Eltern in den allermeisten Fällen mit ins Boot gehören, um für die Kinder und Jugendlichen nachhaltig positive Veränderungen zu schaffen. Auch habe ich – rein subjektiv – die Erfahrung gemacht, dass die Kinder und Jugendlichen, die von der Trennung und Scheidung ihrer Eltern betroffen waren, zusätzliche Belastungen und Fragen mit sich trugen. Diese Belastungen und Fragen zu minimieren, gelingt ohne eine engagierte und sensible Elternarbeit seitens der Fachkräfte nur bedingt.
Mit dem Ende meiner Zusatzausbildungen zum Mediator und Klärungshelfer wuchs in mir der Wunsch, früher in der „Hilfskette“ zu arbeiten und ich wechselte in eine Beratungsstelle für Eltern mit den Schwerpunktthemen Elternschaft, Trennung, Scheidung, Umgang und Sorgerecht.
Was mir vor Jahren also mehr oder minder beiläufig aufgefallen ist, ist heute mein aus Überzeugung gewähltes Kernthema.

Wieso ist das Thema aus Deiner Sicht so relevant und welche Rolle spielt es im pädagogischen Alltag?

Für mich sind Trennung und Scheidung in der Welt der Kinder ein gesamtgesellschaftliches und zugleich ein sehr persönliches Thema. Bei Betrachtung der aktuellsten Daten des Statistischen Bundesamtes für 2023 wird deutlich, dass auf rund jede dritte geschlossene Ehe eine Scheidung folgt (361.000 Eheschließungen, 129.000 Ehescheidungen). Da lässt sich nicht mehr von Einzelfällen sprechen.
Ich glaube, dass jede Trennung und/oder Scheidung für alle Beteiligten – Eltern wie Kinder – zu einer enormen Krisensituation werden kann. Für eine ungewisse Zeitspanne befindet man sich in einem Ausnahmezustand mit massiven Veränderungen, was natürlich auch Auswirkungen auf Wohlbefinden, Verhalten und die eigene Entwicklung haben kann. Ich bin mir sicher, dass die Angst ein nicht willkommener, aber häufiger Begleiter in dieser Zeit ist.
Trotzdem stellen die Themen Trennung und Scheidung – meiner Einschätzung nach – verständlicherweise nicht den Hauptfokus der alltäglichen pädagogischen Arbeit dar. Es sollte aber immer sensibel mitgedacht werden. Fachkräfte in den Bereichen Kita, Schule, etc. sind oft erste Ansprechpartner:innen für die Kinder und Jugendlichen abseits ihrer Familien. Sie können ihnen eine feste Konstante sowie Stabilität und Sicherheit bieten. Mit Wissen über die Thematik kann ich als Fachkraft nicht nur angepasster unterstützen, ich kann auch für mich zunächst nicht nachvollziehbare Reaktionen und Verhaltensweisen des Gegenübers möglicherweise erklären.

Welche Auswirkungen haben Trennung und Scheidung auf die Kinder und wie bekomme ich als Fachkraft mit, dass Zuhause etwas nicht stimmt?

Auswirkungen und auch die Reaktionen auf die Trennung der Eltern sind, wie die Kinder selbst, individuell. Dabei spielen Alter, Persönlichkeit und Art und Weise, wie die Eltern mit der Situation umgehen können, eine Rolle - pauschalisieren lässt sich das für mich aber nicht.
Trennung und Scheidung sind Krisensituationen, die häufig von allen Beteiligten als solche empfunden werden. Das wird nochmal deutlicher, wenn wir uns die fünf Säulen der Identität nach Hilarion Petzold anschauen. Diesem Modell nach fußt unsere Identität auf den Säulen Leiblichkeit/Gesundheit, Soziale Beziehungen, Arbeit und Leistung, Materielle Sicherheit und Werte. Plötzlich stehen Kinder wie Erwachsene nicht mehr gefestigt da, sondern durchleben eine Existenzkrise mit extremem innerem Stress. Das Selbstwertgefühl leidet und ohne Unterstützung kommen die Kinder schnell in die Überforderung, erleiden irgendwann vielleicht sogar Entwicklungstraumata.
Um zu erkennen, dass Kinder eine solche Situation durchmachen, ist es wichtig, dass ich als Fachkraft bereits vorher eine gute (Arbeits-)Beziehung aufgebaut habe und die Kinder einschätzen kann, denn dann fallen mir “Abweichungen vom Normalverhalten” eher auf. Wie diese aussehen und wie stark sie ausgeprägt sind, ist von Kind zu Kind unterschiedlich. Während die einen zu körperlichen Beschwerden wie Bauchschmerzen oder Konzentrationsproblemen neigen, verfallen andere beispielsweise in extrem angepasstes, auffälliges, introvertiertes oder extrovertiertes Verhalten. Diese Auffälligkeiten dann sicher den Themen Trennung und Scheidung zuzuordnen, gelingt meiner Meinung nach nicht ohne das persönliche Gespräch.
Kinder sprechen oft indirekt über belastende Situationen, zum Beispiel durch Andeutungen oder in Rollenspielen. Wichtig ist hier, aufmerksam zuzuhören und eine vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen, in der die Kinder sich sicher fühlen und in der sie ihre Sorgen aus eigenem Antrieb heraus äußern können. In der Hoffnung, dass die Eltern dieses höchstpersönliche Thema ebenfalls offen kommunizieren, lohnt es sich, eine stetige und kooperative Elternarbeit zu etablieren. Zusätzlich hilft der fachliche Austausch mit Kolleg:innen, um solche Situationen zu erkennen und gezielt Unterstützung anzubieten.

Versteht ein Kind im Kita-Alter denn eigentlich, was bei den Eltern gerade passiert?

Wer wann wie was gesagt oder getan hat und was dann schlussendlich zur Trennung geführt hat, verstehen die Kinder natürlich nicht. Auch die Erwachsenen sind da häufig nicht deckungsgleich in ihren Aussagen. Diese komplexen Zusammenhänge sollte ein Kind aber auch gar nicht mitbekommen. Es gibt Angelegenheiten zwischen Eltern, die Kinder und Jugendliche nichts angehen. Darunter fällt zum Beispiel auch der Bereich Finanzen. Themen wie diese sind häufig der Grund dafür, dass Kinder Loyalitätskonflikte erleben und das Gefühl bekommen, sich auf eine Seite schlagen zu müssen, obwohl sie eigentlich beide Elternteile in ihrem Leben haben möchten.
Wichtig zu wissen ist, dass insbesondere jüngere Kinder sehr wohl merken, wenn Spannungen und Konflikte zwischen den Eltern herrschen, besonders auf der nonverbalen Ebene. Auch wissen sie ganz genau, was sie tun müssen, damit es Mama oder Papa gut geht. So kann es passieren, dass sie in Rollen fallen, die sie nicht ausfüllen sollten. Zudem sind Kinder und Jugendliche entwicklungsbedingt eher ich-zentriert, was zur Folge haben könnte, dass die Kinder sich die Schuld an der Trennung geben. Ein Gedankenbeispiel: „Ich bin nicht brav genug gewesen, deshalb haben sich meine Eltern nur noch gestritten.”
Ich finde, dass Kinder ein Recht darauf haben, von der Trennung ihrer Eltern zu erfahren. Allerdings sollten sich die Eltern vorher gut sortiert und einen gemeinsamen Plan entwickelt haben. Es muss darum gehen, den Kindern trotz aller Umstände Sicherheit zu geben und deutlich zu machen, dass sie keine Schuld an der Situation tragen.

Welche Strategien gibt es ganz konkret für die Praxis, um Kinder in dieser Lebensphase zu begleiten?

Ein wichtiges Unterstützungsangebot ist in allen Einrichtungen bereits vorhanden: ein stabiles und sicheres Umfeld mit Ritualen, Tagesstrukturen und verlässlichen Bezugspersonen. Die Fachkräfte bieten also allein durch ihre Arbeit Sicherheit in unsicheren Zeiten.
Es kann allerdings vorkommen, dass gerade diese benötigten Strukturen von den Kindern und Jugendlichen zu Beginn nicht oder nur schwer akzeptiert werden. Damit wäre die für mich wichtigste Strategie: Beziehungen pflegen, Geduld und Verständnis zeigen.
In direkten Gesprächen mit dem Kind kann ich positives Feedback geben, es stärken und auch die Kinderrechte thematisieren. In Gruppenaktivitäten kann das Kind erfahren, dass es nicht alleine ist und dass andere Kinder ähnliche Erfahrungen machen. Mögliche Themenblöcke für solche Gespräche und Aktivitäten könnten sein: Selbstwert und Individualität, Sorgen und Ängste oder Umgang mit Wut.

Wie kommuniziere ich als Fachkraft am besten mit den Eltern über die Bedürfnisse ihrer Kinder in dieser schwierigen Zeit?

Neutralität ist ein Schlüsselelement. Ich bin hier, um für das Kind und damit auch für die Eltern eine positive Veränderung zu schaffen und nicht, um ein Elternteil an den Pranger zu stellen. Ich möchte unterstützen, nicht vorführen. Auch in Bezug auf die Eltern ist Beziehungsarbeit sehr wichtig, denn natürlich kann es sein, dass ich mal ein kritisches Feedback geben muss. Das können die Eltern aber nur konstruktiv annehmen, wenn sie Vertrauen zu mir aufgebaut haben.
Ich kann Verständnis für die Situation zeigen, mich regelmäßig (wenn möglich immer zu dritt) austauschen und mit Hilfe von AKTIVEM ZUHÖREN oder GEWALTFREIER KOMMUNIKATION gemeinsam kleinschrittige Ziele vereinbaren. Entscheidend ist, die Bedürfnisse des Kindes jederzeit in den Mittelpunkt zu stellen. Um ein Gespräch zu eröffnen können konkrete Beobachtungen helfen: „Mir ist aufgefallen, dass Ihr Kind in letzter Zeit ruhiger ist als sonst. Wie erleben Sie das zu Hause?“ Solche Formulierungen laden dazu ein, offen über die Situation zu sprechen, ohne die Eltern zu kritisieren.

Welche Rolle spielt die Zusammenarbeit mit externen Fachleuten (z.B. Psycholog:innen) in solchen Fällen?

Eine multiprofessionelle Zusammenarbeit ist eine richtig tolle Sache und mit Sicherheit überaus gewinnbringend. Unterstützungsmaßnahmen können viel verzahnter und individueller auf die Kinder abgestimmt werden. Zudem helfen Alltagsbeobachtungen seitens der pädagogischen Fachkräfte Therapeut:innen in ihrer Arbeit mit den Kindern und umgekehrt.
Die Realität sieht jedoch meist etwas anders aus, denn eine wichtige Grundvoraussetzung für eine gute Zusammenarbeit ist die Schweigepflichtentbindung der Eltern. Ohne diese können die Akteur:innen nicht miteinander in den Austausch gehen und sich beraten. Es steht und fällt also mit der Bereitschaft der Eltern, ihre Situation offenzulegen und Hilfen anzunehmen, nicht zuletzt für ihre Kinder. In jedem Fall finde ich es aber grundsätzlich wichtig, dass Kinder Ansprechpartner:innen haben, die nur für sie da sind.
Daran anknüpfend möchte ich dazu ermutigen, mit den Eltern nicht nur über eine mögliche therapeutische Unterstützung der Kinder zu sprechen, sondern sie auch dazu zu ermutigen, sich selbst professionelle Unterstützung und einen Blick von außen zu holen. Wir alle kennen Fälle, in denen Kinder als Symptomträger Therapie machen, die Ursachen – also die Eltern und deren Verhalten – jedoch nicht genauer und nicht nachhaltig betrachtet werden.

Gibt es weiterführende Informationen oder Ressourcen, die den Eltern oder Fachkräften zur Verfügung gestellt werden können, um ihnen bei der Bewältigung der Situation zu helfen?

Ich würde empfehlen, bei den jeweils zuständigen Jugendämtern nachzufragen. Die Zuständigkeit der Ämter richtet sich nach der Meldeadresse des Kindes. Es gibt verschiedene Angebote, die die Eltern in Anspruch nehmen können, in vielen Fällen sind diese sogar kostenlos. So zum Beispiel Beratungsstellen mit den Schwerpunkten Erziehungs- und Familienberatung, Einzel- und Paarberatung, Trennungs- und Scheidungsberatung, Gewaltberatung oder den Kinderschutz. Auch Schuldner- oder Familienrechtsberatungen sind möglicherweise interessante Angebote. Ebenfalls nennen möchte ich an dieser Stelle Trennungskindergruppen, Informationsveranstaltungen für Alleinerziehende, Elternkurse oder auch Anti- Gewalt-Trainings. Fachliteratur für Fachkräfte und Eltern ist natürlich auch eine Möglichkeit, einen Umgang mit dem Thema zu finden. Fachkräfte und deren Einrichtungen sollten des Weiteren bei den für sie zuständigen Jugendämtern die zur Verfügung stehenden Kinderschutzfachkräfte/Isef erfragen. Diese nehmen im Auftrag des Jugendamtes Gefährdungseinschätzungen vor, helfen in brisanten Fällen beim innerlichen Sortieren und bei der Prüfung, ob eine Kindeswohlgefährdung vorliegt und eine Meldung erfolgen muss.   —

Quellen

Titelbild: ©pexels.com/Ron Lach

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Dennis Niepel ist Erziehungswissenschaftler, zertifizierter Mediator und Klärungshelfer, Kinderschutzfachkraft, Verfahrensbeistand und Trainer der Marburger Konzentrations- und Verhaltenstrainings. Er verfügt über langjährige Berufserfahrung als Sozialpädagoge, Führungskraft und Einrichtungsleitung und arbeitet aktuell in einer Beratungsstelle für Eltern, die sich in Trennung oder Scheidung befinden. Freiberuflich ist er im Bereich Konfliktmanagement, als Referent/Trainer und als Verfahrensbeistand tätig.
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